Künstliche Vitamine für vegane Kinder?
Häufig wird als Argument gegen vegane Ernährung die Tatsache ins Feld geführt, dass wir Supplemente nehmen müssen, um unsere Körper mit bestimmten Nährstoffen ausreichend zu versorgen. Supplemente, oder Nahrungsergänzungsmittel, sind unnatürlich, und deshalb sei vegane Ernährung auch unnatürlich, weil nicht alle Nährstoffe die wir brauchen darin enthalten sind.

Die DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) spricht sich grundsätzlich gegen eine vegane Ernährung von Kindern aus:
Bei veganer bzw. makrobiotischer Ernährung besteht das Risiko einer defizitären Zufuhr von Energie, Protein, langkettigen n-3 Fettsäuren, Eisen, Calcium, Jod, Zink, Riboflavin, Vitamin B12 und Vitamin D.
Quelle: https://www.dge.de/wissenschaft/weitere-publikationen/fachinformationen/vegane-ernaehrung-saeugling-kindesalter/
Damit begründet auch die Berliner Senatsverwaltung ihre sture Weigerung, vegane Kinder in den Schulen mit veganem Mittagessen zu versorgen. Mein Argument, dass meine Tochter ja kritische Nährstoffe supplementiert, wird einfach vom Tisch gefegt mit der (falschen!) Behauptung, die DGE würde generell auch Supplementierung ablehnen. (Das ist nicht wahr. Die DGE empfielt ALLEN Menschen die Supplementierung von Jod, Vitamin D. Schwangeren, Stillenden und Säuglingen noch eine ganze Reihe weiterer Nährstoffe, z.B. Folsäure, Eisen, Flourid, Vitamin K… Warum also sollen nur vegane Kinder ihren Nährstoffbedarf ohne Supplemente decken müssen?? O.o)
Wie ist es eigentlich um die Nährstoffversorgung omnivor ernährter Kinder bestellt?
Laut einer Studie des Robert Koch-Instituts und der Uni Paderborn im Auftrag des Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz liegt die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit bestimmten Nährstoffen teils deutlich unter den Referenzwerten. Dabei handelt es sich um Eisen, Calcium, langkettige n-3 Fettsäuren, Vitamin A, D, E und Folat. Ups, eine Überschneidung mit veganen Kindern… hat die Form der Ernährung damit etwa pauschal gar nichts zu tun?
Bis zu 27.8% der Kinder (je nach Altersgruppe) nehmen Supplemente in irgendeiner Form, die bei diesen Kindern nachweislich die Nährstoffversorgung verbessern. Nicht beachtet wurden dabei Lebensmittel, die zusätzlich mit Nährstoffen angereichert sind, was für viele Milchprodukte, Müsliriegel, Cornflakes, Säfte, etc gilt. Die Versorgung wird also durch Nahrungsergänzungsmittel erreicht, nicht allein durch omnivore Ernährung.
Daraus kann man wunderbar ableiten: Omnivore Ernährung schützt OHNE Supplementierung nicht pauschal vor Nährstoffmängeln. Oder: Omnivore Kinder müssen AUCH supplementieren, um ausreichende Nährstoffversorgung sicherzustellen.
Die DGE sagt:
Da sich mit dem Verzicht auf jegliche tierische Lebensmittel das Risiko für Nährstoffdefizite erhöht, hält die DGE eine rein pflanzliche Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit sowie im gesamten Kindesalter für nicht geeignet, um eine adäquate Nährstoffversorgung und die Gesundheit des Kindes sicherzustellen.
Quelle: https://www.dge.de/wissenschaft/weitere-publikationen/fachinformationen/vegane-ernaehrung-saeugling-kindesalter/
Tatsache ist aber: Auch eine omnivore Ernährung ist im Kindesalter offenbar nicht geeignet, um eine adäquate Nährstoffversorgung und die Gesundheit des Kindes sicherzustellen.
Da Ernährung heutzutage grundsätzlich nicht mehr ausreicht, sollten wir alle aufhören zu essen. Oder wir nehmen einfach weiter unnatürliche Supplemente.
Wunderbar geschrieben!!!!
Die verwendete Argumentation ist meiner Meinung nach leider nicht hinreichend. Wenn bis zu 27,8% der Kinder Supplemente zu sich nehmen müssen, um eine ausreichende Versorgung an Nährstoffen zu gewährleisten, bedeutet das im Umkehrschluss zunächst einmal, dass über 2/3 der Kinder dies nicht benötigen, deren Ernährung also ausreichend ist. Dies ist mit der veganen Lebensweise, bei der meines Wissens Supplemente zu sich genommen werden müssen, zu vergleichen.
Dieselbe Aussage lautet plakativer ausgedrückt: Während lediglich bis zu 27,8% der omnivor ernährten Kinder Supplemente zu sich nehmen müssen, sind dies in der Gruppe der vegan ernährten Kinder 100%. […]
Allerdings pflichte ich Ihnen in dem Punkt bei, in dem Sie erwähnen, dass vegane Kinder ihre Ernährung durch Supplemente vervollständigen können, wenn omnivore Kinder hierzu offensichtlich auch in der Lage sind. Demnach sollte dieses Thema in der Diskussion keine pauschale Ablehnung erfahren.
Leider haben Sie den Artikel, bzw. meine Argumentation nicht verstanden. Die 27,8% der Kinder, die Supplemente nehmen, ist der Ist-Wert. Der Soll-Wert ist laut DGE 100%, da für einige Nährstoffe unabhängig von der Ernährungsform für ALLE Menschen grundsätzlich die Supplementierung empfohlen wird. Steht alles im Artikel. Dass 2/3 der Kinder also keine Supplemente benötigen, ist ein falscher Umkehrschluss, basierend auf einer falschen Interpretation der vorliegenden Aussagen.
Dass bis zu 27,8% der Kinder Supplemente zu sich nehmen, lässt aber einen anderen Schluss zu. Omnivore Kinder sind keineswegs ausreichend mit Nährstoffen versorgt, wie die Studie belegt. Dass eine signifikant hohe Zahl der Kinder auch noch supplementiert, dürfte die Ergebnisse verfälscht haben. Es ist nicht auszuschließen, dass eine bessere Versorgung der Omnivoren bei bestimmten Nährstoffen dann nicht durch die Supplementierung erreicht wurde. Diese Kinder mit veganen Kindern zu vergleichen, die NICHT supplementieren, ist entsprechend manipulativ. Steht aber wie gesagt alles schon im Artikel. […]
Vielen Dank für Ihre Antwort und das wiederfreischalten meines Kommentars,
den verlinkten Artikel der DGE habe ich gelesen und möchte ihn in Teilen zitieren:
„Werden die Referenzwerte für die Vitaminzufuhr unterschritten, dann meist durch eine ungünstige Lebensmittelauswahl. Eine ausgewogene Ernährung liefert dem gesunden Erwachsenen in der Regel ausreichend Vitamine (Ausnahme Vitamin D) und andere essenzielle Nährstoffe. […] Und während es bei der Einnahme von hoch dosierten Nahrungsergänzungsmitteln und dem gleichzeitigen Verzehr von angereicherten Lebensmitteln zu gesundheitlich bedenklichen Zufuhrmengen kommen kann, ist die Gefahr der Überdosierung mit Vitaminen oder anderen Nährstoffen bei einer gewöhnlichen Ernährung mit üblichen Lebensmitteln wie Gemüse, Obst, Fleisch, Käse nahezu ausgeschlossen. […] Für einzelne Risikogruppen innerhalb der Bevölkerung gibt es jedoch kritische Nährstoffe. […] Außerdem rät die DGE der Gesamtbevölkerung zur Verwendung von jodiertem und fluoridiertem Speisesalz im Haushalt sowie mit Jodsalz hergestellten Lebensmitteln.” (Quelle: https://www.dge.de/presse/pm/bunte-pillen-fuers-gute-gewissen-was-bringen-nahrungsergaenzungsmittel/, Abruf am 07.04.2016, 10:56 Uhr). […]
Aus dem vollständigen Artikel (dessen Lektüre ich empfehle) schließe ich entgegen der von Ihnen dargestellten Sichtweise, dass lediglich bestimmte Supplemente von der DGE empfohlen werden, nicht jedoch die, die durch vegane Ernährung notwendig sind. Hier besteht laut DGE die Möglichkeit, Schäden durch eine Überversorgung zu verursachen. Weiterhin wird jedoch auch angemerkt, dass bestimmte Risikogruppen und unter anderem Kinder bestimmten Alters tatsächlich Supplemente empfohlen werden. Dies trifft in Bezug auf Kinder allerdings maßgeblich auf Säuglinge zu.
Kombiniert man nun die beiden Aussagen, dass erstens der Gesamtbevölkerung bestimmte Supplemente empfohlen werden mit Ihrer zweiten Aussage die besagt, dass meine Annahme, dass 2/3 der Kinder keine Supplemente benötigten, falsch sei, so haben Sie sicherlich Recht. Allerdings ist dies statistisch nicht relevant, da wir hier nur zwei Teilmengen der Gesamtbevölkerung vergleichen möchten: Omnivor und vegan ernährte Kinder.
Hier komme ich zu folgender Schlussfolgerung: Die vegane Ernährungsweise erfordert die dauerhafte Einnahme von Supplementen, wobei eine Überdosierung und damit einhergehende Langzeitfolgen bedenklich sein können. („Dem fehlenden Nutzen der Einnahme von Vitaminpräparaten steht sogar das Gesundheitsrisiko durch zu hohe Zufuhrmengen gegenüber, insbesondere dann, wenn hoch dosierte Präparate über eine längere Zeit eingenommen und zusätzlich angereicherte Lebensmittel verzehrt werden.”)
Gleichzeitig benötigen jedoch einige Kinder Supplemente um ihren Nährstoffbedarf zu decken. Hierbei sind sowohl omnivore als auch vegane Kinder gemeint. Dies ist jedoch im Regelfall nur zeitweise bzw. in Ausnahmefällen notwendig, andernfalls würde die DGE der Gesamtbevölkerung eine dauerhafte Zuführung von Supplementen empfehlen (abseits der oben genannten).
Die durch die vegane Lebensweise entstehenden Versorgungsengpässe erfordern demnach eine dauerhafte Zuführung von Supplementen, wobei dies bei omnivorer Ernährung im Regelfall nicht (dauerhaft) notwendig ist. Die Supplemente birgen jedoch die Gefahr der Überdosierung. Demnach ist das Risiko das sich durch die vegane Ernährung bietet mit den Vorteilen abzuwägen.
Ich persönlich würde vermutlich das leibliche Wohl meines Kindes über meine moralische Einstellung als Elternteil stellen, allein um o.g. Risiken zu vermeiden - auch wenn dies nach obiger Argumentation nicht zwangsläufig notwendig ist.
Bei Omnivoren Kindern schlussfolgert die DGE also: ‚Werden die Referenzwerte für die Vitaminzufuhr unterschritten, dann meist durch eine ungünstige Lebensmittelauswahl.’ Warum nicht bei veganen Kindern? Bei diesen wird die Ursache grundsätzlich in der Ernährungsform gesucht. Merken Sie eigentlich nicht, wie unwissenschaftlich das ist?
Ein Folgefehler, da diese Schlussfolgerung auf einer anderen unlogischen Schlussfolgerung basiert. Es gibt keine Belege dafür, dass es bei veganen Kindern bei einer NICHT ‚ungünstigen Lebensmittelauswahl’ zu Unterschreitung von Referenzwerten kommt, außer bei Vitamin B12. Ich wiederhole noch mal und betone ausdrücklich: bei veganen Kindern, die nicht durch eine Extremdiät, sondern ausgewogene vegane Lebensmittelauswahl versorgt werden. […]
Vitamin B12 kann übrigens nicht überdosiert werden.
(Anm.: Anscheinend wurde mein voriger Beitrag abgeschnitten.)
Ich persönlich würde vermutlich das leibliche Wohl meines Kindes über meine moralische Einstellung als Elternteil stellen, allein um o.g. Risiken zu vermeiden - auch wenn dies nach obiger Argumentation nicht zwangsläufig notwendig ist.
Was Sie persönlich tun würden, ist hier nicht relevant. Es sei denn, Sie unterstellen allen Eltern veganer Kinder, diese zu veganer Ernährung zu zwingen. Damit sprechen sie nicht nur den Kindern das Gewissen ab, sondern werfen Eltern geradezu vor, das Kindeswohl ihrer Kinder absichtlich zu gefährden. Wenn Sie schon anonym kommentieren, formulieren Sie den Vorwurf doch bitte wenigstens direkter.
Dass vegane Ernährung nicht gefährlich ist, solange B12 supplementiert wird, habe ich unter Ihrem anderen Kommentar bereits dargelegt. Die Risiken, die Sie zu vermeiden suchen, existieren gar nicht (nachweisbar).
Wir haben einige vegane Kinder aus unveganen Familien hier, deren Eltern diese Kinder zum Glück unterstützen. Außerdem haben wir Kontakt zu einigen älteren Kindern und Jugendlichen, deren Eltern versuchen sie zu zwingen, die vegane Ernährung aufzugeben. Nicht nur haben diese Eltern damit natürlich keinen Erfolg, sie verursachen auch sehr viel Leid bei ihren Kindern und zerstören das Vertrauensverhältnis. All das vorgeblich nur, um (nicht nachweisbare) Risiken zu vermeiden. […]